Graue Energie
Thema: Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft & ESG · Aktualisiert: 10/2026
Bei IT denken viele zuerst an den Stromverbrauch im Betrieb. Ein großer Teil des Energie- und Rohstoffaufwands steckt aber bereits im Gerät, bevor es zum ersten Mal eingeschaltet wird. Dieser unsichtbare Aufwand heißt graue Energie. Wer ihn kennt, trifft bessere Entscheidungen beim Austausch, bei der Beschaffung und bei der Verwertung ausgemusterter Hardware.
Kurz erklärt
Graue Energie ist die Energie, die für Rohstoffgewinnung, Herstellung, Transport, Lagerung und Entsorgung eines Produkts aufgewendet wird – also alles außer der Nutzung. Sie ist im Produkt gewissermaßen „gespeichert“ und lässt sich nur nutzen, indem das Produkt lange verwendet wird. Bei IT-Hardware spricht die graue Energie dafür, Geräte länger zu nutzen und nach der Ausmusterung wiederzuverwenden statt sofort zu recyceln.
Was ist graue Energie?
Der Begriff stammt aus dem Bauwesen und hat sich auf alle Produkte übertragen. Gemeint ist der gesamte nicht erneuerbare und erneuerbare Primärenergieaufwand, der über die Lieferkette und am Lebensende eines Produkts anfällt. Fachlich entspricht das dem kumulierten Energieaufwand (KEA) ohne die Nutzungsphase. Die Begriffe und Rechenregeln für den KEA beschreibt die Richtlinie VDI 4600.
Eng verwandt ist der englische Begriff „Embodied Carbon“. Er misst nicht die Energie, sondern die Treibhausgasemissionen, die mit Herstellung, Transport und Entsorgung verbunden sind. Im Alltag werden beide Begriffe oft gleichgesetzt, obwohl sie unterschiedliche Größen beschreiben.
Woraus sich die graue Energie eines IT-Geräts zusammensetzt
| Lebensphase | Was dazu gehört | Teil der grauen Energie? |
|---|---|---|
| Rohstoffgewinnung | Abbau und Aufbereitung von Metallen, seltenen Erden, Kunststoffen | Ja |
| Herstellung | Chips, Leiterplatten, Displays, Akkus, Montage | Ja |
| Transport und Handel | Fracht, Lager, Verpackung | Ja |
| Gebruik | Stromverbrauch im Betrieb | Nein – das ist die Betriebsenergie |
| Lebensende | Sammlung, Behandlung, Recycling, Beseitigung | Ja |
Bei elektronischen Geräten fällt besonders die Herstellung der Halbleiter, Leiterplatten und Displays ins Gewicht. Viele Hersteller veröffentlichen dazu Produkt-CO₂-Bilanzen (Product Carbon Footprint), die den Anteil der einzelnen Phasen ausweisen.
Warum graue Energie bei IT-Hardware so wichtig ist
Eine Studie von Öko-Institut und Fraunhofer IZM im Auftrag des Umweltbundesamts (2012) kam für Notebooks zu einem klaren Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Treibhausgasemissionen über den Lebensweg entfällt auf die Herstellung. Ein Neugerät, das im Betrieb rund 10 % effizienter ist, müsste unter den damaligen Annahmen viele Jahrzehnte genutzt werden, bis die Einsparung den Herstellungsaufwand ausgleicht.
Daraus folgt eine einfache Regel: Ein vorzeitiger Austausch spart im Betrieb wenig, verbraucht aber viel graue Energie. Jedes zusätzliche Nutzungsjahr verteilt den bereits angefallenen Aufwand auf eine längere Zeit. Wird ein ausgemustertes Gerät von einem zweiten Nutzer weiterverwendet, ersetzt es im besten Fall ein Neugerät, dessen Herstellung dann nicht nötig ist.
Merksatz: Die graue Energie ist bereits verbraucht. Sie wird nur dann „verzinst“, wenn das Gerät möglichst lange genutzt wird – im eigenen Haus oder bei einem zweiten Nutzer.
Was das für Austausch und Ausmusterung bedeutet
- De gebruiksduur verlengen: Upgrades wie mehr Arbeitsspeicher, eine neue SSD oder ein neuer Akku können den Refresh-Zyklus strecken.
- Hergebruik vóór recycling: Nach der Abfallhierarchie hat die Vorbereitung zur Wiederverwendung Vorrang vor dem Recycling. Ein refurbished Gerät nutzt die graue Energie weiter.
- Recycling als letzte Stufe: Recycling gewinnt Rohstoffe zurück, die graue Energie der Bauteile geht dabei aber weitgehend verloren.
- Daten sicher löschen: Wiederverwendung setzt eine nachweisbare Löschung voraus. Nur dann ist der zweite Lebenszyklus auch datenschutzrechtlich möglich.
Graue Energie im ESG-Reporting
Im Treibhausgas-Bericht nach GHG Protocol erscheinen die Emissionen aus der Herstellung gekaufter IT-Hardware in der Regel unter den vorgelagerten Scope-3-Emissionen, also bei eingekauften Waren beziehungsweise Investitionsgütern. Unternehmen, die über die CSRD berichten, brauchen dafür belastbare Daten. Wie Sie die Emissionen Ihrer Hardware einordnen, erklärt unser Ratgeber Scope-3-emissies: Waarom uw IT-hardware erbij hoort. Eine methodisch vollständige Betrachtung über alle Lebensphasen liefert eine Milieubalans.
Beispiel: Austausch nach Plan oder nach Bedarf
Ein vereinfachtes Beispiel ohne konkrete Messwerte zeigt den Effekt.
- Ein Unternehmen tauscht seine Notebooks bisher nach festem Plan aus, unabhängig vom Zustand.
- Eine Bestandsanalyse zeigt: Ein Teil der Geräte ist technisch noch voll einsatzfähig.
- Diese Geräte erhalten ein Upgrade und bleiben länger im Einsatz. Die graue Energie verteilt sich auf mehr Nutzungsjahre.
- Die übrigen Geräte werden zertifiziert gelöscht, aufbereitet und weiterverkauft. Nur Geräte ohne Wiederverwendungsmöglichkeit gehen ins Recycling.
Wie sich ein solcher Kreislauf im Alltag umsetzen lässt, zeigt der Beitrag Warum Nachhaltigkeit in der IT nicht nur ein Trend ist.
Graue Energie und Second IT
Second IT setzt auf Wiederverwendung vor Recycling. Ausgemusterte Geräte werden mit Blancco zertifiziert gelöscht, geprüft, repariert und aufbereitet und anschließend über Online-Shop und Store wiedervermarktet. Über 180.000 Geräte wurden so bereits wiederaufbereitet. Was sich nicht mehr verwenden lässt, entsorgt Second IT als Entsorgungsfachbetrieb nach § 56 KrWG. Für Ihr CSR- und ESG-Reporting erhalten Sie Recycling- und Entsorgungsnachweise sowie eine jährliche, individuelle Umweltbilanz. Die Datenlöschung läuft mit Ökostrom, unter anderem aus rund 100 kWp eigener Solarleistung. Mehr zur fachgerechten Entsorgung und Verwertung.
Abgrenzung zu verwandten Begriffen
Graue Energie misst Energie, der CO₂-Fußabdruck misst Treibhausgase. Beide sind Teilergebnisse einer Ökobilanz, die zusätzlich weitere Umweltwirkungen wie Wasserverbrauch oder Versauerung betrachtet. Die Einteilung in Scope 1, 2 und 3 beschreibt dagegen, wo im Unternehmen und in der Lieferkette Emissionen bilanziert werden.
Häufige Fragen zur grauen Energie
Was ist der Unterschied zwischen grauer Energie und Betriebsenergie?
Betriebsenergie ist der Strom, den ein Gerät während der Nutzung verbraucht. Graue Energie umfasst alles davor und danach: Rohstoffe, Herstellung, Transport und Entsorgung. Bei Notebooks und Smartphones ist die graue Energie im Verhältnis zur Betriebsenergie besonders hoch.
Ist graue Energie dasselbe wie Embodied Carbon?
Nicht ganz. Graue Energie ist eine Energiemenge, Embodied Carbon die damit verbundene Menge an Treibhausgasen. Beide beschreiben denselben Lebensabschnitt, werden aber in unterschiedlichen Einheiten angegeben.
Spart ein energieeffizienteres Neugerät graue Energie ein?
Nein. Ein Neugerät bringt seine eigene graue Energie mit. Ob sich der Austausch lohnt, hängt davon ab, ob die Einsparung im Betrieb den Herstellungsaufwand des Neugeräts in überschaubarer Zeit ausgleicht. Bei Notebooks ist das laut der Studie für das Umweltbundesamt meist nicht der Fall.
Wie kann ein Unternehmen graue Energie berücksichtigen?
Durch längere Nutzungsdauern, Reparatur und Upgrades, die Beschaffung aufbereiteter Geräte und die Weitergabe ausgemusterter Hardware zur Wiederverwendung. Für Berichte helfen Herstellerangaben zum Product Carbon Footprint und Nachweise über die Verwertung.
Verwandte Begriffe
Graue Energie weiter nutzen – mit Wiederverwendung statt Verschrottung.
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